Ashram und Bluegrass

Martin hat herausgefunden, dass in Südvirginia am folgenden Wochenende ein Bluegrass Festival stattfinden soll. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und machen uns die 200 Meilen wieder Richtung Süden auf den Weg. Über Airbnb finden wir ein Zimmer….in einem Ashram mitten in ländlicher Idylle Virginias. Wir sind sehr gespannt.

Wir fahren durch eine wunderschöne Hügellandschaft. Da kann das Allgäu einpacken. Herrliche Farmen, hunderte von Rindern und Ziegen auf den Weiden, gesäumt von Büschen und Baumgruppen in saftigstem Frühsommergrün – ein Traum.

Als wir uns der neuen Bleibe nähern, erstmal ein Schreck; der Traum verwandelt sich in einen Alptraum: 1,5 Meilen Roughroad, ungeteerte Straße, Split, auf beiden Seiten abschüssig , und das Ganze bergauf, bergab – nicht ungefährlich für das Motorrad. Die Strecke fordert Martin extrem. Vor allem mit dem Anhänger. Die Harley kriecht das Sträßchen entlang, links plätschert ein Bächlein, in den Laubbäumen flüstert der Sommerwind, hinter einem Gatter blicken uns zwei Paar erstaunte Pferdeaugen nach. Das letzte Stück, das kurvig steil bergab führt, gehe ich lieber zu Fuß. Martin kommt Gottseidank mit Bike und Kokopelli heil unten an.

Wir stehen vor einem großen Haus, umringt von Blumen- und Gemüsebeeten mitten in einem Laubwald. Hübsche selbstgemalte bunte Wegweiser zeigen verschiedene Ziele an wie z.B. “Sunflowerhouse”, ” River” etc. Im Staub döst ein uralter Golden Retriever vor sich hin. Er hebt nur kurz den Kopf und guckt uns müde an, um dann weiterzuschlafen.

Aus den Beeten erheben sich Cleo und Craig mit ihren Strohhüten, die mit Unkrautjäten an der Reihe sind, uns freundlich begrüßen und uns unser Zimmer im Tiefparterre zeigen. Alles ist spirituell blau, die Farbe der Erleuchtung: die Bettwäsche, die Teppiche, die Handtücher, die Gemälde….

Wie wir erfahren, besteht die Kommune aus vier Paaren und zwei Kindern. Allerdings wohnt niemand in dem schönen großen Haus, das der Gemeinschaft nur zweimal wöchentlich als Versammlungsort dient. Nur wir!

Merkwürdige Gemeinschaft. Jeder wohnt woanders, jeder geht seinen “weltlichen” Interessen nach.

Das Zimmer ist wunderschön, das Haus toll eingerichtet und teils mit indischen, teils mit mexikanischen spirituellen Gegenständen und vielen Instrumenten sowie Gemälden von Walen, Delphinen und Manatees ausgestattet.

Es gehört Luke, einem deutschstämmigen interessanten Mann unseres Alters, der aus Paraguay in die USA kam und hier viel Geld mit eine Motoröl-Recycling-Firma (seine Erfindung) noch immer macht. Die 35.000 acre, …. Quadratmeter, rund um den Ashram hat er vor 20 Jahren für 35.000 $ gekauft und 1500 Bäume gepflanzt. Er erzählt uns am nächsten Abends bei einem Glas Weißwein auf der Terrasse, dass er sehr viele alte deutsche Volkslieder noch aus der Wanderjugend kennt, die auch teilweise bei den Treffen der Kommune gesungen werden. Interessant!

Die Kommune wurde vor 15 Jahren gegründet, hat sich allerdings seither sehr verändert.

Lukes 3. Ehefrau Catherine hat die Airbnb-Vermietung übernommen und bringt uns abends noch herrliches Biobrot, Eier, Honig, Birnenkraut und Früchte zum Frühstück. Sie ist, was man sich unter einer überkandidelten Amerikanerin vorstellt, überfreundlich, überinteressiert, überaufgeschlossen… Sie ist eine Sufi und macht Friedensarbeit -was immer man sich darunter vorstellen mag.

Dann lernen wir die rothaarige goldige Lacey kennen, die eine deutsche Mutter hat, und ein paar deutsche Sätze mit uns spricht. Sie wird nächste Woche den durchgeistigten, früh ergrauten Jüngling Daniel heiraten – er begrüßt uns strahlend mit dem Friedensgruß, unten am Fluss im Hochzeitspavillon, zu dessen Mittelpunkt man sich am besten über eine Natursteinspirale ergeht (man kann aber auch einfach gradaus mitten reingehen.)

Am Maibaum hängt ein Geflecht aus Bändern, die die Jünger durch das Drumherumtanzen gewoben haben. Jaja, die 70er!

Der 15jährige Sohn von Cleo und Craig schüttelt bei jeder Gelegenheit sein wunderschönes, schulterlanges, irisch rotes Lockenhaar und versäumt nicht sich in jedem Spiegel und Fenster zu bewundern. Die kleine achtjährige Halbphilippinin, wohl die Tochter von Catherine, rast mit ihrem pinkfarbenen Fahrrad rum, beäugt uns aus den Augenwinkeln und erzählt uns später ohne Punkt und Komma ihre Familienverhältnisse. Wir finden lustig und interessant, wo wir wieder hingeraten sind, und genießen die Natur rundum, drei Rehe, Hasen, den Sonnenschein und die erhöhte Holzterrasse.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir, nachdem Martin mit mir hinten drauf, aber ohne Kokopelli, die 1,5 Meilen gefährliche Straße jedesmal mit Bravour gemeistert hat, und nach einer kurzen Besichtigungstour auf dem Wochenmarkt in Floyd, auf einem riesigen hügeligen Gelände, auf unseren Campingstühlen sitzend, mit BBQ, Cheesecake und Popcorn, mitten unter Farmern und herrlichen Alpöhlis (da könnten viele in “Heidi” mitspielen).

Der wohlgenährte Moderator auf der Bühne begrüßt das Publikum, bei der Lobesrede und dem Treueschwur auf die amerikanische Flagge stehen alle auf und nehmen – und zwar nur da – ihre Schildkappen, einige auch ihre Cowboyhüte ab und legen die rechte Hand aufs Herz, allesamt gute Patrioten. Darauf folgt noch ein Gebet zu Gott, und dann gehts endlich los mit Bluegrass, dem Ursprung der Westernmusik, mit Fiddel, Banjo, Hookmandoline, Gitarre und Kontrabass.

Es treten tolle Gruppen auf und wir genießen von morgens bis abends die Musik, und das ohne aufzufallen, denn auch wir tragen Schildkappen und karierte Hemden. Jippiiih.