Neue Freunde in New Bern

Die Fahrt nach New Bern, ein Tipp, den uns Roberta gegeben hat, ist gegen Ende ziemlich feucht, sodass wir uns in einem MacDo unterstellen müssen.

Aber dann erreichen wir unser Ziel trocken. Ein wunderschönes Haus erwartet uns in einem herrlichen, grünen Wohngebiet, und der blendend aussehende Jerry, wir schätzen ihn auf Ende 60, begrüßt uns herzlich mit einem deutschen “Guten Tag” vor seiner offenen Garage, in der eine Honda Shadow und eine Kawasaki stehen. Eine hübsche Südamerikanerin, Pilar, die Lebensgefährtin unseres Hausherren, macht sich gerade auf, ihre täglichen 10 Meilen abzuradeln und sagt daher nur ein kurzes “Hallo”.

Jerry zeigt uns unser Zimmer im oberen Stock, und der Weg dorthin mutet an wie eine Galerie. Kunstwerke an den Wänden, ” echte” und selbst gemalte, meist Kopien großer Meisterwerke mit kleinen witzigen Zusätzen, edle Orientteppiche und Bauhausmöbel vom Kandinsky-Chair, einer Sofagarnitur von Marcel Breuer, …., bis hin zu einem Betty Boop Tisch, wir finden hier Kunstverstand und Sammelleidenschaft.

Bei einem (oder zwei) Glas Wein erfahren wir, dass er Diplomat u.a. in Schweden, aber auch lange in Argentinien zur Zeit der Falkland-Kriege war,  Maggie Thatcher begrüßt hat und dass er Verhandlungen mit Fidel Castro führte. Er war befreundet mit Gabriel Garcia Márquez.

In mittleren Jahren hat Jerry in Buenos Aires eine Nacht als Begleiter der schon in die Jahre gekommenen Ginger Rogers fungiert und – was für eine Ehre! – mit ihr, der Filmpartnerin von Fred Astair,Tango getanzt. Ein Dienstauftrag, versteht sich.

Wir haben einen vergnüglichen Abend zusammen.

Am nächsten Tag besuchen wir den Farmer’s Markt in New Bern und entdecken einige spektakuläre Stücke, z.B. die gefilzten Tier-und Saurierköpfe, die mehrere hundert Dollar kosten, aber auch wirkliche Kunstwerke sind.

Auf diesem Markt führen wir ein ebenso interessantes wie trauriges Gespräch mit einem Vietnam – Veteranen, der ein Buch über seine traumatischen Erlebnisse, insbesondere seine Flashbacks und seine therapeutische Behandlung geschrieben hat und seine Exemplare auf dem Markt anbietet. Erschütternd, seine Erzählungen. Sie lassen uns sehr nachdenklich werden,  geht es doch vielen deutschen (Ex-) Soldaten mit Familien ebenso. Und da wird m.E. auch bei uns viel zu wenig geholfen.

Wir spazieren durch die Stadt und erreichen eine ehemalige Apotheke, die Geburtsstätte von Pepsicola, das die Nummer 1 war, bis es von der Konkurrenz Coca Cola  überholt wurde. Natürlich trinken wir ein Pepsi an diesem denkwürdigen Ort.!

Abends werden wir von Jerry und seiner Pilar, mit der mich trotz Sprachbarrieren sehr schnell eine herzliche Freundschaft verbindet, zu einem Italiener eingeladen (eigentlich sind wir nur Airbnb-Gäste). Spezialität: Spaghetti carbonara! Und sie schmecken unvergleichlich. Kein Wunder, der Koch ist gesegnet, hat er doch jahrelang für den Papst Johannes Paul II im Vatikan gekocht. Ja, solche Sachen erleben wir hier…unbelievable!

Am nächsten Tag (Sonntag) begleiten uns Jerry und Pilar ein Stück des Wegs auf dem Motorrad in das verschlafene hübsche, historische Städtchen, wo wir doch tatsächlich einen Shop entdecken, der “Deutsches” verkauft.

Anschließend gehts auf Fahrradtour, 5 Meilen durch die Neighbourhood, eben, gepflegt, frühlingsblühend. Martin bleibt zuhause, denn es gibt nur 3 Räder. Es tut so gut, sich endlich mal wieder ein bisschen sportlich zu betätigen.

Eine Sightseeing Tour mit einem Trolly steht am Montag auf dem Programm. Wir besteigen das Gefährt und finden und hauptsächlich zwischen Lehrern wieder, einschließlich der Fahrerin, die sich lauthals über Schule und Erziehung unterhalten, bis unser Reiseleiter zusteigt. Die Fahrt führt uns vorbei an wunderschönen Häusern, die ihre eigene Geschichte haben.

Ein Stop beeindruckt uns besonders, nämlich ein alter Friedhof, auf dem etliche merkwürdige Steintische neben Gräbern zu sehen sind. Der Führer erzählt uns, dass sie dem Zweck von Feiern dienen. Noch heute gehen die Angehörigen an Allerheiligen mit Körben voller Speisen auf den Friedhof, um sie bei ihren verstorbenen Angehörigen zu verspeisen und “mit ihnen” Party zu feiern. Das hat uns sehr an Madagaskar erinnert, wo dies auch der Brauch ist.

Ein Grab war deshalb bemerkenswert, weil laut den Daten der Verstorbene bei seinem Ableben 156 Jahre gewesen wäre. warum diese Daten eingemeißelt wurden, ist heute noch ein ungelöstes Rätsel.

Auch die Gräber zweier Schwestern besuchen wir, die, als im Bürgerkrieg die Unionstruppen ihre Wohnung einnahmen, in den 3. Stock hinaufgezogen sind und drei Jahre diese Wohnung nicht mehr verlassen haben. Verpflegt wurden Sie mittels eines Korbes, der an der Außenseite hinauf- und hinuntergelassen worden ist.

Nach der Rundfahrt besuchen wir dieses denkwürdige Haus, das jetzt ein wunderhübsches Cafe beherbergt, trinken in dem schönen friedlichen Hof einen Kaffee und entdecken sogar den Korb, der noch immer da hängt.

Abends wartet unser Freund Jerry schon wieder mit einer Überraschung auf. Montags gibt es ein Treffen von allen möglichen Leuten in einem Seglerheim, die ihre Instrumente mitbringen und sich einer Jamsession anschließen. Jerry hat seine Cowboystiefel angezogen, Pilar hat sich auch feingemacht und wir versuchen, unser bestes aus dem Kokopelli zu holen. Jerry kündigt einen sehr guten Musiker an………………… der aber an diesem Abend nicht kommt. Das Lokal ist fast leer. Ein junger Mann an der Bar, ein Übernachtungsgast dort, kommt mit Jerry ins Gespräch. Am Ende betritt er die Bühne, um auf der Gitarre zu improviesieren. Er improvisiert gut mit Akkorde und Blueswendungen, hat aber keinerlei Rhythmusgefühl, was jedes Zusammenspiel, insbesondere eine Jamsession, unmöglich macht. Ein anderer Gast versucht sich stimmlich dazuzugesellen, und auch er sowie Jerry scheiterte. Kurz, schöne Musik kommt nicht zustande.

Dann betritt Jerry die Bühne und spielt mehrere lateinamerikansiche Lieder. Er macht es sehr gut, so dass wir doch noch einen Ohrenschmaus bekommen, zusammen mit den anderen 2-3 Gästen.

Am Ende geben wir noch “Country Road” (was sonst) zum besten. Das wars.

Am nächsten Morgen ist Abreise, und wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden, die uns hoffentlich auch mal in Deutschland besuchen werden.

Jerry sagt, wenn irgendwas passiere, sollen wir ihn benachrichtigen. Er hole uns überall raus. Das ist sehr beruhigend. Die liebenswerte Pilar werde ich auch sehr vermissen.